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Herbstgedichte für Kinder

Herbstgedichte gehören in jede Kita und Grundschule – zum Auswendiglernen, zum Vortragen oder einfach zum Vorlesen, wenn draußen der Wind um das Haus pfeift. Hier findest du acht Gedichte, sortiert vom kleinsten Kind bis zur vierten Klasse: jeweils mit vollständigem Text, Quelle und einer kurzen Erklärung.

Auf einen Blick

„Der Herbst ist da!“ – ein Jubelgedicht von 1803

Dieses fröhliche Gedicht stand vor mehr als 200 Jahren in einem Lesebuch für kleine Kinder. Wer es geschrieben hat, wissen wir nicht. Es ist kurz, steckt voller Ausrufe und lädt zum Mitmachen ein: Bei „Juheisa sa sa!“ springen alle in die Luft, bei „Bald schütteln wir sie!“ wird ein unsichtbarer Baum geschüttelt.

Der Herbst ist da!
Juheisa sa sa!
Der Herbst ist da!
Seht, wie, mit Birnen behangen,
Die Bäume dort prangen!
Bald schütteln wir sie!
Dann rollen von oben
Die herrlichen Früchte!
Wir singen und loben
Dann alle zugleich,
An Früchten reich,
Die herbstlichen Tage voll Segen!
Aus Franz Grünbergs Abendunterhaltungen mit seinen kleinen Kindern, Band 1, Nürnberg 1803, S. 1–2.

Übrigens: Das bekannte Kita-Lied „Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da“ ist ein anderes, neueres Lied. Mehr dazu erfährst du bei den Herbstliedern.

Heinrich Seidel: Im September

Heinrich Seidel (1842–1906) war Ingenieur in Berlin und schrieb nebenbei viele Kindergedichte. In „Im September“ gehen Kinder dreimal los, um „zum Rechten zu sehn“: zu den Haselnüssen, in den Obstgarten nach einer windigen Nacht und an den Gartenzaun. Die letzte Strophe hat eine schöne Botschaft: Wer teilt, dem schmeckt es doppelt so gut.

Wir wollen in den Nussbusch gehn
Und dort einmal zum Rechten sehn.
Das Eichhorn und der Häher
Sind arge Nüssespäher,
Der Buntspecht und die Haselmaus,
Die lieben auch den Nusskernschmaus!
Sie nagen und sie zwicken,
Sie hacken und sie picken,
Und wer nicht kommt zur rechten Zeit,
Geht, wie ihr wisst, der Mahlzeit queit.
Wir wollen in den Garten gehn
Und dort einmal zum Rechten sehn.
Zur Nachtzeit war es windig!
Nun seht nur her! Was find ich
Im sand’gen Steig, im grünen Gras,
Bald hier, bald dort? Was ist denn das?
Äpfel mit roten Stirnen
Und goldgestreifte Birnen!
Und dort beim Eierpflaumenbaum …
O seht nur hin! Man glaubt es kaum!
Wir wollen an den Zaun hin gehn
Und dort einmal zum Rechten sehn.
Was steht denn gleich dahinter?
O seht, zwei arme Kinder!
Sie ladet hinter ihrem Haus
Kein Garten ein zu frohem Schmaus.
Da sollte man doch denken:
Heut’ gibt’s was zu verschenken!
Und merkt ihr erst, wie wohl das tut,
Da schmeckt es euch noch mal so gut.
Heinrich Seidel, Neues Glockenspiel, Stuttgart 1900, S. 185–186 (Rechtschreibung behutsam modernisiert).
  • zum Rechten sehn: nachschauen, ob alles in Ordnung ist.
  • Häher: der Eichelhäher, ein bunter Rabenvogel, der gern Nüsse und Eicheln versteckt.
  • der Mahlzeit queit gehen: norddeutsch für „leer ausgehen“ – die Mahlzeit ist weg.
  • Steig: ein schmaler Weg.
  • Eierpflaumen: große, eiförmige Pflaumen, meist gelb.

August Corrodi: Der Herbst – ein Gespräch

August Corrodi (1826–1885) war Zeichenlehrer in Winterthur in der Schweiz und schrieb Bücher für Kinder. In einer Reihe von Gedichten lässt er die Jahreszeiten mit einem Kind sprechen. Kurz vorher hat der Sommer das Kind gebeten, dem Herbst etwas auszurichten – darum beginnt es mit „ich soll dir sagen“. Ideal zum Aufsagen mit verteilten Rollen: Ein Kind spricht das Kind, ein anderes den Herbst.

Kind: Mein lieber Herbst, ich soll dir sagen,
Der Sommer hab’ auch Frucht getragen,
Und gute Frucht; was bringst du denn,
Das ich so süß wie Kirschen nenn’?
Herbst: Ich bring’ dir Äpfel, Birnen, Trauben,
Das wirst du mir gewiss erlauben.
Der Sommer ist mein Bruder wohl,
Doch nicht so saft- und früchtevoll.
Kind: Ich bin mit beiden gut zufrieden;
Ein jeder hat mir das beschieden,
Was er besaß; was will ich mehr?
O, keiner ist an Freuden leer!
W. A. Corrodi, Fünfzig Fabeln und Bilder aus der Jugendwelt, Zürich 1876, Nr. 35 (Rechtschreibung behutsam modernisiert).

Friedrich Hebbel: Herbstbild

Friedrich Hebbel (1813–1863) schrieb diese acht Zeilen im Herbst 1852 in Wien. Er beschreibt einen ganz stillen Tag, an dem trotzdem überall Früchte von den Bäumen fallen – als würde die Natur ihre eigene Ernte feiern. Das Gedicht ist kurz und ruhig und wird gern in der Grundschule gelernt.

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
Friedrich Hebbel’s sämmtliche Werke, Bd. 7: Gedichte, Hamburg 1867, S. 153 (Rechtschreibung behutsam modernisiert).
  • Lese: die Ernte, vor allem bei Obst und Wein.
  • Zum Lernen: Die Reimwörter am Zeilenende (sah – nah, kaum – Baum) sind die beste Merkhilfe. Erst jede Strophe für sich üben, dann beide zusammen.

Eduard Mörike: Septembermorgen

Nur sechs Zeilen und ein einziger Satz: Eduard Mörike (1804–1875) beschreibt einen Morgen, an dem erst alles im Nebel liegt – dann bricht die Sonne durch und taucht die Landschaft in warmes Gold. Mörike war Pfarrer in Württemberg und gehört zu den großen deutschen Naturdichtern. Geschrieben hat er das Gedicht 1827.

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
Eduard Mörike, Gesammelte Schriften, Bd. 1: Gedichte, Stuttgart 1878, S. 128.
  • unverstellt: frei, ohne dass etwas davor ist.
  • Tipp: An einem nebligen Morgen draußen vorlesen und zusehen, wie sich der Nebel lichtet.

Wilhelm Busch: Im Herbst

Wilhelm Busch (1832–1908) kennen die meisten von „Max und Moritz“. In diesem späten Gedicht beschreibt er den Altweibersommer: Im Herbst schweben feine Spinnfäden durch die Luft, weil sich junge Spinnen an ihren Fäden vom Wind forttragen lassen. Busch macht daraus Elfenschleier, gewebt „mit kunstgeübtem Hinterbein“.

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst, der reiche zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.
Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.
Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewusst bestimmte Ziel.
Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.
Wilhelm Busch, Zu guter Letzt, München 1904, S. 77 (Rechtschreibung behutsam modernisiert). Im Druck ohne Überschrift; der Titel „Im Herbst“ stammt von späteren Herausgebern.

Für Kinder ist die dritte Strophe die spannendste: Wohin fliegen die Fäden? Die letzte Strophe mit Schäfer und Schäferin ist eher etwas für Erwachsene – mit Jüngeren könnt ihr auch nur die ersten drei sprechen.

Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Die bekannteste Herbstballade der Schule: Ein freundlicher Gutsherr verschenkt jedes Jahr Birnen an die Kinder im Dorf. Als er stirbt, lässt er sich eine Birne mit ins Grab legen – und aus ihr wächst ein Birnbaum, der die Kinder weiter beschenkt. Theodor Fontane (1819–1898) veröffentlichte das Gedicht 1889. Ribbeck gibt es wirklich: Das Dorf liegt im Havelland westlich von Berlin.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“
So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“
Und die Kinder klagten, das Herze schwer,
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“
So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Misstraun gegen den eigenen Sohn,
Der wusste genau, was damals er tat,
Als um eine Birn’ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“
So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Theodor Fontane, Gedichte, 10. Auflage, Stuttgart und Berlin 1905, S. 318–319 (Rechtschreibung behutsam modernisiert).

Das Plattdeutsch übersetzt

  • „Junge, wist’ ne Beer?“ – Junge, willst du eine Birne?
  • „Lütt Dirn, kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“ – Kleines Mädchen, komm mal herüber, ich habe eine Birne.
  • „He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“ – Er ist jetzt tot. Wer gibt uns jetzt eine Birne?
  • „ick gew’ Di ’ne Birn“ – ich gebe dir eine Birne.

Alte Wörter

  • Pantinen: Holzschuhe.
  • lobesam: ehrenwert, lobenswert.
  • Büdner: Dorfbewohner mit einem kleinen Haus und wenig Land.
  • „Jesus meine Zuversicht“: ein Kirchenlied, das bei Beerdigungen gesungen wurde.
  • Kirchhof: der Friedhof an der Kirche.

Für den Vortrag: Ribbeck, die Kinder und den flüsternden Baum mit verschiedenen Stimmen sprechen – so wird die Ballade zum kleinen Hörspiel.

Rainer Maria Rilke: Herbst

Rilkes Gedicht ist das nachdenklichste auf dieser Seite. Es beginnt mit den fallenden Blättern und sagt dann: Alles fällt irgendwann – auch wir. Am Ende steht ein tröstliches Bild: Einer hält all dieses Fallen ganz sanft in seinen Händen. Für kleine Kinder ist das eher etwas zum Zuhören; mit älteren kannst du gut darüber sprechen, was mit dem Fallen gemeint ist. Rainer Maria Rilke lebte von 1875 bis 1926.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder, 2. Auflage, Berlin 1906, S. 51.

Mehr zum Herbst

Lieder zur Jahreszeit findest du bei den Herbstliedern für Kinder, alles für die Laternenzeit bei den Laternen- und Martinsliedern. Tipps zum Auswendiglernen und Vortragen stehen bei den Gedichten für Kinder.

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