„Gefroren hat es heuer noch gar kein festes Eis“ – so beginnt eines der bekanntesten Wintergedichte für Kinder. Friedrich Güll erzählt darin von einem Jungen, der das dünne Eis ausprobiert und prompt einbricht. Hier findest du den Text, die alten Wörter erklärt, Tipps zum Auswendiglernen, die Eisregeln für Kinder und eine Druckvorlage.
Das Gedicht
Noch gar kein festes Eis,
Das Büblein steht am Weiher,
Und spricht so zu sich leis:
„Ich will es einmal wagen,
Das Eis, es muss doch tragen.“ —
Wer weiß?
Mit seinem Stiefelein.
Das Eis auf einmal knacket,
Und krach! schon bricht’s hinein.
Das Büblein platscht und krabbelt
Als wie ein Krebs, und zappelt
Mit Schrei’n.
In lauter Eis und Schnee!
O helft, ich muss ertrinken
Im tiefen, tiefen See!“
Wär’ nicht ein Mann gekommen,
Der sich ein Herz genommen,
O weh!
Und zieht es dann heraus:
Vom Fuße bis zum Kopfe
Wie eine Wassermaus.
Das Büblein hat getropfet,
Der Vater hat’s geklopfet
Zu Haus.
Was die Wörter bedeuten
- heuer: in diesem Jahr – so sagt man bis heute in Bayern und Österreich.
- Weiher: ein kleiner Teich.
- hacket: Das Büblein stößt mit den Absätzen aufs Eis, um zu prüfen, ob es hält.
- als wie ein Krebs: Es rudert mit Armen und Beinen wie ein Krebs.
- sich ein Herz nehmen: all seinen Mut zusammennehmen.
- beim Schopfe packen: an den Haaren packen.
- wie eine Wassermaus: triefnass.
- der Vater hat’s geklopfet: Der Vater hat es verhauen – dazu unten mehr.
Zum Auswendiglernen
Jede Strophe endet mit einer ganz kurzen Zeile: „Wer weiß?“, „Mit Schrei’n.“, „O weh!“ und „Zu Haus.“ Diese Schlusszeilen können schon kleine Kinder mitrufen, während ein größeres Kind den Rest spricht. So lernen sie das Gedicht ganz nebenbei.
- Erzählt die Geschichte zuerst nach: Eis prüfen – einbrechen – gerettet werden – nach Hause.
- Nehmt jede Woche eine Strophe dazu; die Schlusszeilen ruft das ganze Publikum.
- Bei „stampft und hacket“ mit den Füßen stampfen, bei „krach!“ in die Hände klatschen, bei „zappelt“ mit Armen und Beinen rudern.
- In der dritten Strophe ruft das Büblein selbst um Hilfe – hier darf die Stimme ängstlich klingen.
Der Schluss – und was wir heute daraus machen
Am Ende bekommt das Büblein zu Hause vom Vater Schläge. Für die Menschen um 1840 war das eine selbstverständliche Strafe; heute haben Kinder ein Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt. Sprich mit deinem Kind darüber: Warum war der Vater so aufgebracht? Vermutlich hatte er große Angst um sein Kind. Was hätte er stattdessen tun können – und was hätte das Büblein besser machen sollen?
Die eigentliche Botschaft des Gedichts ist ohnehin eine andere: Auf dünnes Eis geht man nicht. Das Büblein hatte großes Glück, dass jemand in der Nähe war und sich getraut hat zu helfen.
Die Eisregeln für Kinder
- Nur auf freigegebenes Eis: Seen und Teiche erst betreten, wenn die Gemeinde sie freigegeben hat. Die DLRG rät zu mindestens 15 Zentimetern Eis auf stehenden Gewässern.
- Nie allein: Kinder gehen nur mit Erwachsenen aufs Eis.
- Knackt es, sofort hinlegen: flach auf den Bauch, damit sich das Gewicht verteilt, und vorsichtig zum Ufer zurückrobben.
- Ist jemand eingebrochen: sofort die 112 rufen. Helfer legen sich flach aufs Eis und reichen einen Ast, eine Leiter oder einen Schal – nie aufrecht zum Loch laufen.
- Vorsicht bei Schilf, Zuflüssen und unter Brücken: Dort ist das Eis oft dünner.
Woher das Gedicht kommt
Friedrich Güll (1812–1879) war Lehrer, zuerst in Ansbach, ab 1842 in München, und dichtete für seine Schüler ebenso wie für die Kinder zu Hause. Sein Biograf Friedrich Gärtner berichtet 1890, das Büblein sei zuerst 1840 in einem schmalen Heft mit Weihnachtsgedichten erschienen; 1846 nahm Güll es in die erweiterte Auflage seiner Sammlung „Kinderheimat“ auf. Von dort wanderte es in unzählige Lesebücher und wurde eines der bekanntesten deutschen Kindergedichte.
Die Lesebuch-Herausgeber änderten dabei gern etwas – mal sprach das Büblein „gar naseweis“, mal bekam der Schluss ein Wort dazu. Güll ärgerte sich laut Gärtner über solche „Verbesserungen“. Wir drucken deshalb die Fassung aus Gülls eigener Ausgabe von 1875, die noch zu seinen Lebzeiten erschien.
Ideen für den Winter
- Eis-Versuch: Wasser in einer Schale draußen gefrieren lassen: Wie dick wird das Eis über Nacht? Hält es einen Stein?
- Bildergeschichte: Zu jeder Strophe ein Bild malen – vier Bilder erzählen die ganze Geschichte.
- Rollenspiel: Ein Kind ist das Büblein, eines der Retter, eines der Vater. Zum Schluss denken sich alle gemeinsam ein freundlicheres Ende aus.
Druckvorlage: das Gedicht mit allen vier Strophen – zum Üben und Ausmalen.
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