Wenn draußen Schnee liegt, sind Wintergedichte genau das Richtige – zum Aufsagen, Vorlesen oder als Anlass, hinauszugehen. Hier findest du alte Gedichte über Schneemänner, Spatzen, Eis und Schneeballschlachten, geordnet vom Kindergarten bis zur vierten Klasse, jeweils mit vollständigem Text und Erklärungen.
Auf einen Blick
- Wilhelm Hey: Schneemann – ab 3 Jahren
- Friedrich Güll: Der erste Schnee – ab 4 Jahren
- August Corrodi: Der Winter – ein Gespräch – ab 5 Jahren, zu zweit
- Christian Morgenstern: Die drei Spatzen – ab 3 Jahren
- Heinrich Seidel: Winter – ab 5 Jahren
- Hoffmann von Fallersleben: Beim Schneeballen – ab 1. Klasse
- Christian Morgenstern: Wenn es Winter wird – ab 1. Klasse
- Joseph von Eichendorff: Winternacht – ab 3. Klasse
Mit eigener Seite: Gefroren hat es heuer – das Büblein auf dem Eis. Und „Der Winter ist ein rechter Mann“ von Matthias Claudius steht bei den Winterliedern.
Schneemann-Gedichte
Ein Schneemann gehört zum Winter wie der Schlitten. Diese drei alten Gedichte handeln von ihm – vom armen Schneemann, der sich nicht wehren kann, bis zu dem, den Kinder nach der Schule bauen.
Wilhelm Hey: Schneemann
Wilhelm Hey (1789–1854), von dem auch „Alle Jahre wieder“ und Weißt du, wie viel Sternlein stehen stammen, war Pfarrer in Thüringen. Seine Kinderfabeln erschienen ab 1833 ohne seinen Namen, mit Bildern von Otto Speckter. Hier spotten die Kinder erst über den Schneemann, der mit dem Stock droht und doch nie zuschlägt – dann bekommen sie Mitleid und bitten die Sonne, ihn nicht zu schmelzen.
Wie er mit dem Stocke droht
Gestern schon und heute noch!
Aber niemals schlägt er doch.
Schneemann, bist ein armer Wicht,
Hast den Stock und wehrst dich nicht.
Der nicht schlagen noch laufen kann;
Schleierweiß ist sein Gesicht.
Liebe Sonne, scheine nur nicht,
Sonst wird er gar wie Butter weich,
Und zerfließt zu Wasser gleich.
Zum Mitmachen: Bei „mit dem Stocke droht“ einen Arm heben wie der Schneemann, bei „wie Butter weich“ langsam in sich zusammensinken. Ein „Wicht“ ist ein armer Kerl.
Friedrich Güll: Der erste Schnee
Friedrich Güll, von dem auch das Büblein auf dem Eis stammt, schildert den ersten Schnee mit den Augen eines Kindes: Alles ist verkleidet! Der Schornstein trägt eine weiße Müllermütze und raucht Pfeife, die Pumpe im Hof hat eine gepuderte Perücke und eine lange Nase. Und nach der Schule wird ein Schneemann gebaut – mit einem Topf als Hut.
ei, wie hat’s geschneit, geschneit!
Ringsherum, wie ich mich dreh’,
nichts als Schnee und lauter Schnee.
Wald und Wiesen, Hof und Hecken,
alles steckt in weißen Decken!
Und im Garten jeder Baum,
jedes Bäumchen voller Flaum!
Auf dem Sims, dem Blumenbrett
liegt er, wie ein Federbett!
Auf den Dächern um und um
nichts als Baumwoll ringsherum!
wie possierlich sieht der aus;
hat ein weißes Müllerkäppchen,
hat ein weißes Müllerjöppchen.
Meint man nicht, wenn er so raucht,
dass er just sein Pfeiflein schmaucht?
hat gar einen Zottelrock
und die pudrige Perücke
und den Haarzopf im Genicke,
und die ellenlange Nase
geht schier vor bis an die Straße!
Wär nur erst die Schule aus!
Aber dann, wenn’s noch so stürmt,
wird ein Schneemann aufgetürmt,
dick und rund und rund und dick
steht er da im Augenblick.
Auf dem Kopf als Hut ’nen Tiegel,
und im Arm den langen Prügel,
und die Füße tief im Schnee:
und wir rings herum, juhe!
was ist das für eine Freud!
- Sims: das Fensterbrett.
- Schlot: der Schornstein.
- Müllerkäppchen, Müllerjöppchen: Mütze und Jacke eines Müllers – Müller waren vom Mehl immer weiß.
- schmauchen: gemütlich rauchen.
- Pumpenstock: die Wasserpumpe im Hof.
- Zottelrock: ein zotteliger Mantel.
- Tiegel: ein Kochtopf.
- Prügel: ein dicker Stock.
August Corrodi: Der Winter – ein Gespräch
Wie im Herbst-Gespräch bei unseren Herbstgedichten lässt August Corrodi (1826–1885) hier den Winter mit einem Kind sprechen. Der Winter wirbt für sich: Schlittenfahren, Schlittern und ein „Männchen, weiß und fest“ – ein Schneemann. Das Kind ist begeistert, fürchtet aber, sich ein Bein zu brechen. Ideal zum Aufsagen zu zweit.
Meinst du, mein Kind? O, nimmermehr!
Ich lass’ dich schlitten, lass’ dich schleifen,
Und willst du meinen Schnee angreifen,
So ist er wohl ein bisschen kalt,
Doch findest sicherlich du bald,
Dass sich ein Männchen, weiß und fest,
Ganz herrlich daraus bauen lässt.
Doch was du sagst, ist alles wahr.
Lass nur kein Bein mich bei dir brechen;
Denn allzu leicht bringst du Gefahr!
Dann bleib’ ich freundlich dir gesinnt!
„Freudenleer“ heißt ohne Freude, „schleifen“ ist Schlittern auf dem Eis, und „verwegen“ bedeutet übermütig.
Weitere Wintergedichte für Kinder
Christian Morgenstern: Die drei Spatzen
Drei Spatzen sitzen im kahlen Haselstrauch und wärmen sich aneinander – Erich, Franz und in der Mitte der freche Hans, der es natürlich am wärmsten hat. Christian Morgenstern (1871–1914) schrieb das Gedicht für Kinder; gedruckt wurde es erst 1921, nach seinem Tod, im Kinderliederbuch „Klein Irmchen“. Der Schluss borgt sich die Märchenformel.
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.
und mitten drin der freche Hans.
und obendrüber da schneit es, hu!
So warm wie der Hans hat’s niemand nicht.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.
Zum Mitmachen: Drei Kinder setzen sich eng nebeneinander, das mittlere ist Hans. Bei „da schneit es, hu!“ lassen die anderen Schnee aus den Fingern über sie rieseln.
Heinrich Seidel: Winter
Heinrich Seidel (1842–1906) war Ingenieur in Berlin und ein genauer Naturbeobachter. Er zählt die kleinen Vögel auf, die nicht in den Süden ziehen: Baumläufer, Zaunkönig, Meisen und Goldhähnchen. Der See friert zu, doch der Zaunkönig singt dem Winter frech ins Gesicht. Schön zum Aufsagen am Vogelhäuschen oder nach einem Winterspaziergang.
Mit seinem Stimmchen hell,
Zaunkönig auch, der kleine,
Der niedliche Gesell,
Goldhähnchen, winz’ges Ding —
Mag auch die Welt vereisen,
Sie schätzen es gering!
Mit leisem „Sit, sit, sit,“
Durchsuchen Busch und Bäume
Und nehmen stets was mit.
Hebt jubelnden Gesang,
Ob auch des Sees Decke
Vom Hauch der Kälte sprang:
Du Winter musst hinaus!
Wir Kleinen und wir Feinen,
Wir lachen froh dich aus!“
- Baumläuferchen: der Baumläufer, ein kleiner brauner Vogel, der am Stamm hinaufklettert.
- Goldhähnchen: einer der kleinsten Vögel Europas, mit gelbem Streifen auf dem Kopf.
- Gesell: hier: Kerlchen.
Hoffmann von Fallersleben: Beim Schneeballen
Hoffmann von Fallersleben ruft hier zur Schneeballschlacht. Die Kriegswörter – Schlacht, Gewehr, Degen, Feind – sind ein Spiel: Die einzige Waffe ist Schnee, und wer geschickt ausweicht, gewinnt. Da die erste Strophe am Schluss noch einmal kommt, können zum Ende alle gemeinsam einsetzen.
Seht, wie es flimmert! seht, wie es blinkt!
Nicht länger bedacht!
Fort, fort in die Schlacht!
Fort auf den Plan, wo’s Kämpfen beginnt!
Schnee ist das Gewehr,
Schnee Degen und Speer.
Flink sich gedreht und flinker gebückt!
List leite das Spiel!
Mut führet zum Ziel.
Seht, wie es flimmert! seht, wie es blinkt!
Nicht länger bedacht!
Fort, fort in die Schlacht!
„Nicht länger bedacht!“ heißt: nicht lange überlegen! „Ballet den Schnee“ bedeutet: Formt Schneebälle. Regeln für eine faire Schneeballschlacht: nicht auf den Kopf zielen, keine Eisbrocken oder Steinchen in den Schneeball, und wer „Stopp!“ ruft, hat Pause.
Christian Morgenstern: Wenn es Winter wird
Der See friert zu, und Morgenstern schaut von beiden Seiten aufs Eis: Darüber rutscht ein geworfener Kiesel klirrend weit hinaus, darunter pressen die Fische neugierig ihre Nasen gegen das Eisfenster. Wörter wie „klirr“ und „titscher, titscher“ klingen, wie sie heißen – zum Mitsprechen.
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher — titscher — titscher — dirr …
Heissa, du lustiger Kieselstein!
Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen —
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wieder holen.
Wichtig: Am Ende freut sich das Kind darauf, selbst aufs Eis zu gehen. Das ist nur auf freigegebenen Eisflächen erlaubt – die Eisregeln findest du beim Gedicht vom Büblein auf dem Eis.
Joseph von Eichendorff: Winternacht
Ein stilles Gedicht von Joseph von Eichendorff (1788–1857): Ein kahler Baum steht allein auf dem verschneiten Feld. In der Nacht zerrt der Wind an seinen Ästen, und der Baum träumt von neuem Grün und rauschenden Quellen. Ein leises, etwas trauriges Gedicht, das hoffnungsvoll endet – ab der dritten Klasse oder zum Vorlesen.
Ich hab’ nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.
Wintergedichte lernen – drinnen und draußen
- Draußen üben: Ein Gedicht beim Winterspaziergang sprechen – im Takt der Schritte bleibt es besser hängen.
- Bilder im Schnee: Zu jeder Strophe etwas in den Schnee malen oder bauen, zum Beispiel den Schneemann mit Topf und Stock.
- Zu zweit: Gesprächsgedichte wie Corrodis „Der Winter“ mit verteilten Rollen üben.
Bekannte neuere Wintergedichte
Diese beliebten Gedichte sind noch urheberrechtlich geschützt. Wir nennen sie, damit du sie findest:
- „Der Januar“, „Der Februar“ und „Der Dezember“ aus „Die 13 Monate“ – Erich Kästner (1955)
- „Ich male mir den Winter“ – meist Josef Guggenmos zugeschrieben
- „Der erste Schnee“ von Josef Guggenmos – nicht zu verwechseln mit Gülls Gedicht oben
- Winter- und Weihnachtsverse von James Krüss
Mehr für die kalte Jahreszeit
Lieder findest du bei den Winterliedern, Verse mit Bewegung bei den Fingerspielen für Winter und Advent.