Ein Gedicht unterm Weihnachtsbaum gehört für viele Familien zum Heiligen Abend dazu. Hier findest du zehn Weihnachtsgedichte für Kinder, geordnet nach Alter: kurze Verse für die Kita, Klassiker für die Grundschule und zwei Gedichte für Ältere zum Vorlesen – jeweils mit vollständigem Text, Quelle und einer kurzen Erklärung.
Auf einen Blick
- Ernst von Wildenbruch: Christkind kam in den Winterwald – ab 3 Jahren
- Robert Reinick: Der Weihnachtsbaum – ab 3 Jahren, zum Mitsprechen
- Anna Ritter: Vom Christkind – ab 4 Jahren
- Christian Morgenstern: Das Weihnachtsbäumlein – ab 4 Jahren, für nach dem Fest
- Hoffmann von Fallersleben: Der Traum – ab 4 Jahren (fünf Strophen), ganz ab 1. Klasse
- Rainer Maria Rilke: Advent – ab 2. Klasse, acht Zeilen zum Lernen
- Joseph von Eichendorff: Weihnachten – ab 2. Klasse
- Theodor Storm: Weihnachtslied – ab 3. Klasse
- Friedrich Rückert: Des fremden Kindes heiliger Christ – zum Vorlesen für Ältere
- Joachim Ringelnatz: Vorfreude auf Weihnachten – für Große
Mit eigener Seite: Knecht Ruprecht („Von drauß’ vom Walde komm ich her“), Advent, Advent, ein Lichtlein brennt und die Nikolausgedichte.
Kurze Weihnachtsgedichte für Kinder
Diese vier Gedichte sind kurz, reimen sich deutlich und erzählen eine kleine Geschichte – genau richtig für Kinder im Kindergartenalter, die zum ersten Mal etwas aufsagen möchten.
Ernst von Wildenbruch: Christkind kam in den Winterwald
Ernst von Wildenbruch (1845–1909) schrieb vor allem Theaterstücke und Balladen. Diese kleine Legende erschien 1899 in einer Berliner Zeitschrift: Das Christkind kommt in den verschneiten Wald, und wo es geht, beginnt es zu blühen. Ein Apfelbaum schüttelt ihm seine Früchte in die Taschen – und die bringt es den Kindern. Heute kennt man das Gedicht oft unter dem Titel „Christkind im Walde“.
Der Schnee war weiß, der Schnee war kalt,
Doch als das heilge Kind erschien,
Fing’s an im Winterwald zu blühn.
Erweckt ihn aus dem Wintertraum —
„Schenk Äpfel süß, schenk Äpfel zart,
Schenk Äpfel mir von aller Art.“
Der Apfelbaum, er schüttelt sich.
Da regnet’s Äpfel rings umher;
Christkindleins Taschen wurden schwer.
Und also zu den Menschen kam’s.
Was euch Christkindlein heut beschert.
Zum Mitmachen: Bei „Der Apfelbaum, er rüttelt sich, der Apfelbaum, er schüttelt sich“ schütteln sich alle wie ein Baum. „Mäulchen“ sind kleine Münder – gemeint sind die naschenden Kinder.
Robert Reinick: Der Weihnachtsbaum
Robert Reinick (1805–1852) war Maler und Dichter und schrieb viele Lieder und Verse für Kinder. Hier bringen die Kinder jubelnd den Christbaum ins Haus. Sie haben Mitleid mit ihm – draußen trug er nichts als Schnee – und wollen wissen, was er morgen tragen wird. Doch der Baum verrät nichts: Er „weiß schon, was er weiß“.
Wir bringen ihn gebracht
Den Christbaum, den Tannenbaum
Der alles lustig macht!
Wie war dir draußen weh!
Du strecktest deine Arme aus
Und trugst doch nichts als Schnee!
Was wirst du morgen tragen! —
Hoho! so darf man Narren wohl,
Doch keinen Christbaum fragen.
Wie ist der Schnee so weiß,
Wie grün ist doch der Tannenbaum!
Der weiß schon, was er weiß!
„Juchheissassa“ ist ein alter Jubelruf wie „juchhe“. Die Zeile „Wir bringen ihn gebracht“ steht wirklich so im alten Druck. Beim ersten und letzten Juchheissassa dürfen alle in die Luft springen.
Anna Ritter: Vom Christkind
Anna Ritter (1865–1921) war zu ihrer Zeit eine viel gelesene Dichterin. Ihr Gedicht klingt wie ein aufgeregter Bericht: Ein Kind hat das Christkind gesehen, mit Schnee auf der Mütze und gefrorenem Näschen, einen schweren Sack hinter sich herziehend. Was darin ist? Das wird nicht verraten – aber es roch nach Äpfeln und Nüssen.
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit gefrorenem Näschen.
Die kleinen Hände taten ihm weh;
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her —
was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack —
meint ihr, er wäre offen, der Sack?
Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss was Schönes drin:
es roch so nach Äpfeln und Nüssen!
In vielen Büchern steht heute „mit rotgefrorenem Näschen“ – so hieß es schon in einem Schullesebuch von 1938. Beide Fassungen sind alt und frei. „Naseweise“ sind neugierige Kinder, und „Schelmenpack“ ist ein liebevolles Wort für eine Bande kleiner Schlingel.
Christian Morgenstern: Das Weihnachtsbäumlein
Was passiert eigentlich mit dem Weihnachtsbaum nach dem Fest? Christian Morgenstern (1871–1914), bekannt für seine lustigen Galgenlieder, erzählt es: Erst steht das Tännlein geschmückt in der Stube, dann vertrocknet es im Garten – bis ein frierender Gärtner es in seinen Ofen steckt. Da sprüht es und flammt zum Himmel. Ein schönes Gedicht für die Tage, an denen der Baum abgeschmückt wird.
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün,
als fing es eben an zu blühn.
Da stand’s im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
Die grünen Nadeln war’n verdorrt,
Die Herzlein und die Kerzlein fort.
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm —
hei! tat’s da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.
Weihnachtsgedichte für die Grundschule
Etwas länger, mit schönen alten Wörtern und Bildern: Diese Gedichte eignen sich zum Auswendiglernen in der Schule und zum Vortragen bei der Weihnachtsfeier.
Hoffmann von Fallersleben: Der Traum
Hoffmann von Fallersleben (1798–1874), der Dichter von „Alle Vögel sind schon da“, erzählt von einem Traum: Auf dem Tisch steht ein prächtiger Weihnachtsbaum mit Lichtern, goldenen Äpfeln und Zuckerpuppen. Doch als das Kind nach einem Apfel greift, ist alles verschwunden. Der Baum tröstet: Bald ist es so weit. Für Kindergartenkinder reichen die ersten fünf Strophen.
Ein wunderschöner Traum:
Es stand auf unserm Tisch vor mir
Ein hoher Weihnachtsbaum.
Die brannten rings umher,
Die Zweige waren allzumal
Von gold’nen Äpfeln schwer.
Das war ’mal eine Pracht!
Da gab’s, was ich nur wünschen kann,
Und was mir Freude macht.
Und ganz verwundert stand,
Nach einem Apfel griff ich da,
Und alles, alles schwand.
Und dunkel war’s um mich:
Du lieber, schöner Weihnachtsbaum,
Sag’ an, wo find’ ich dich?
„Du darfst nur artig sein,
Dann steh’ ich wiederum vor dir —
Jetzt aber schlaf nur ein!“
Dann ist erfüllt dein Traum,
Dann bringet dir der heil’ge Christ
Den schönsten Weihnachtsbaum.“
„Zuckerpuppen“ waren Figuren aus Zucker, die früher am Baum hingen; „allzumal“ heißt alle zusammen. „Artig sein“ und „folgen“ stammen aus einer Zeit, in der Kinder vor allem gehorchen sollten – wenn dir das nicht gefällt, endet einfach nach der fünften Strophe mit der Frage an den Baum.
Rainer Maria Rilke: Advent
Rainer Maria Rilke (1875–1926) schrieb dieses Gedicht mit 22 Jahren im Dezember 1897 in Schmargendorf bei Berlin; ein Jahr später eröffnete es seinen Gedichtband „Advent“. Der Wind treibt die Schneeflocken durch den Wald wie ein Hirte seine Herde, und eine junge Tanne ahnt, dass sie bald ein Weihnachtsbaum sein wird. Nur acht Zeilen – gut zum Auswendiglernen.
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird;
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin — bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.
lichterheilig heißt festlich mit Kerzen geschmückt; mit der „einen Nacht der Herrlichkeit“ ist die Heilige Nacht gemeint.
Joseph von Eichendorff: Weihnachten
Joseph von Eichendorff (1788–1857) gehört zu den großen Dichtern der Romantik. Am Heiligen Abend geht er durch die stillen Straßen: In den Häusern brennen die Lichter, Kinder bestaunen das Spielzeug in den Fenstern. Dann wandert er hinaus aufs verschneite Feld, wo es unter dem Sternenhimmel ganz still wird. Zum Lernen reichen auch die ersten beiden Strophen.
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen —
O du gnadenreiche Zeit!
- sinnend: nachdenklich.
- hehr: erhaben, feierlich.
- heil’ges Schauern: ein feierliches Gefühl, das einem über den Rücken läuft.
- gnadenreich: voller Güte.
Theodor Storm: Weihnachtslied
Von Theodor Storm stammt nicht nur Knecht Ruprecht, sondern auch dieses stille Weihnachtslied: Ein Stern lacht vom Himmel, aus dem Tannenwald duftet es, und von fern läuten die Glocken – da fühlt sich der Erwachsene wieder wie ein staunendes Kind. Jede Strophe hat fünf Zeilen; die dritte und vierte reimen sich auf die erste.
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.
Anbetend, staunend muss ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.
Klüfte sind Schluchten und tiefe Täler; „froh erschrocken“ heißt freudig überrascht.
Zum Vorlesen für Ältere
Friedrich Rückert: Des fremden Kindes heiliger Christ
Das längste Gedicht auf dieser Seite schrieb Friedrich Rückert (1788–1866); es erschien am 4. Januar 1816 unter einem Decknamen in einer Stuttgarter Zeitschrift. Ein fremdes Kind läuft am Heiligen Abend allein durch eine Stadt und schaut in die hellen Fenster. Niemand lässt es herein. Da kommt ihm das Christkind entgegen und deutet hinauf zu einem Christbaum aus lauter Sternen.
Bitte vorher selbst lesen: Das Ende ist traurig und tröstlich zugleich. Die Engel holen das frierende Kind zu sich in den Himmel – gemeint ist, dass es stirbt. Das Gedicht passt eher zum Vorlesen für ältere Grundschulkinder und kann ein Anlass sein, über Menschen zu sprechen, die an Weihnachten allein sind.
Am Abend vor Weihnachten
Durch eine Stadt geschwind,
Die Lichter zu betrachten,
Die angezündet sind.
Und sieht die hellen Räume,
Die drinnen schau’n heraus,
Die lampenvollen Bäume;
Weh wird’s ihm überaus.
„Ein jedes Kind hat heute
Ein Bäumchen und ein Licht,
Und hat dran seine Freude,
Nur bloß ich armes nicht.
Als ich daheim gesessen,
Hat es mir auch gebrannt;
Doch hier bin ich vergessen
In diesem fremden Land.
Und gönnt mir auch ein Fleckchen?
In all den Häuserreih’n
Ist denn für mich kein Eckchen,
Und wär’ es noch so klein?
Ich will ja selbst nichts haben;
Ich will ja nur am Schein
Der fremden Weihnachtsgaben
Mich laben ganz allein.“
An Fenster und an Laden;
Doch niemand tritt hervor,
Das Kindlein einzuladen;
Sie haben drin kein Ohr.
Den Sinn auf seine Kinder;
Die Mutter sie beschenkt,
Denkt sonst nichts mehr noch minder:
Ans Kindlein niemand denkt.
Nicht Mutter und nicht Vater
Hab’ ich, wenn du’s nicht bist.
O sei du mein Berater,
Weil man mich hier vergisst.“
Sie ist von Frost erstarret;
Es kriecht in sein Gewand,
Und in dem Gässlein harret,
Den Blick hinaus gewandt,
Durchs Gässlein hergewallet,
Im weißen Kleide schlicht,
Ein ander Kind — wie schallet
Es lieblich, da es spricht:
War auch ein Kind vordessen,
Wie du ein Kindlein bist;
Ich will dich nicht vergessen,
Wenn alles dich vergisst.
Bei allen gleichermaßen;
Ich biete meinen Hort
So gut hier auf den Straßen,
Wie in den Zimmern dort.
Fremd Kind, hier lassen schimmern
Auf diesem offnen Raum,
So schön, dass die in Zimmern
So schön sein sollen kaum.“
Christkindlein auf zum Himmel,
Und droben leuchtend stand
Ein Baum voll Sterngewimmel
Vielastig ausgespannt.
Wie funkelten die Kerzen!
Wie ward dem Kindlein da,
Dem fremden, still zu Herzen,
Da’s seinen Christbaum sah.
Da langten hergebogen
Englein herab vom Baum
Zum Kindlein, das sie zogen
Hinauf zum lichten Raum.
Zur Heimat jetzt gekehret,
Bei seinem heil’gen Christ;
Und was hier wird bescheret,
Es dorten leicht vergisst.
„Vordessen“ heißt früher, ein „Hort“ ist ein Schatz, und ein „Berater“ ist hier jemand, der einem beisteht.
Joachim Ringelnatz: Vorfreude auf Weihnachten
Zum Schluss ein Gedicht für die Großen: Joachim Ringelnatz (1883–1934), bekannt für seine komischen Seemannsverse, ist hier ganz leise. Die Vorfreude weckt in ihm das Kind von früher, und er wünscht sich, dass wenigstens einmal im Jahr alle Menschen friedlich wie Geschwister beisammen sind. Vielleicht zum Vorlesen, wenn die Kerzen brennen.
Umhüpft — rennt froh durch mein Gemüt.
Dann blüht er Flämmchen.
Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. — Es werden Lieder, Düfte fächeln. —
Wird dann doch gütig lächeln.
Alle unfeindlich sind — einmal im Jahr! —
Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.
Früher schrieben Schulkinder auf eine Tafel aus Schiefer, an der ein kleiner Schwamm an einer Schnur hing – beim Rennen hüpfte er mit. An dieses Bild erinnert sich Ringelnatz in der ersten Zeile.
Ein Gedicht aufsagen – so klappt es
- Such ein Gedicht aus, das zum Alter passt: Für Kindergartenkinder reichen vier bis acht Zeilen.
- Fang zwei, drei Wochen vorher an und sprich es jeden Tag einmal gemeinsam – lieber kurz und oft.
- Erfindet zu jeder Zeile eine kleine Bewegung; so merkt sich dein Kind die Reihenfolge.
- Beim Vortrag langsam sprechen, am Zeilenende kurz Luft holen und ins Publikum schauen.
- Hängen geblieben? Gemeinsam die letzte Zeile wiederholen – meistens kommt der Rest von allein.
Ein schöner Brauch: Das Gedicht sauber abschreiben, ein Bild dazu malen und es verschenken – etwa an Oma und Opa.
Bekannte neuere Weihnachtsgedichte
Einige beliebte Weihnachtsgedichte sind noch urheberrechtlich geschützt. Wir nennen sie, damit du sie findest – den Text bekommst du in den Büchern der Verlage:
- „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ – Erich Kästner (1927), eine bissige Parodie auf „Morgen, Kinder, wird’s was geben“, eher für Erwachsene
- „Advent“ – Loriot (1969), schwarzer Humor und kein Kindergedicht
- „Die Weihnachtsmaus“ – James Krüss
- Weihnachts- und Wintergedichte von Josef Guggenmos und Mascha Kaléko
Paula Dehmels „Weihnachtsschnee“ ist zwar frei, doch wir haben noch keinen alten Druck gefunden, aus dem wir den Text zuverlässig übernehmen können – deshalb fehlt es hier vorerst.
Mehr für Advent und Weihnachten
Lieder zum Fest findest du bei den Weihnachtsliedern, zum Beispiel Morgen, Kinder, wird’s was geben. Gedichte für die Zeit nach dem Fest stehen bei den Wintergedichten.