Mit Anleitung · Herkunft · Druckvorlage

Spannenlanger Hansel

Ein winziger Junge, ein rundliches Mädchen und ein Birnbaum voller reifer Früchte: Mehr braucht „Spannenlanger Hansel“ nicht. Das Lied ist kurz, hat einen hüpfenden Rhythmus und lässt sich wunderbar mit zwei Kindern nachspielen – das eine schüttelt, das andere sammelt. Hier findest du beide Strophen, eine Anleitung fürs Singspiel, die alten Wörter erklärt und eine Druckvorlage.

Passt ab2 Jahren, als Singspiel ab 3
AnlassHerbst, Obsternte, Morgenkreis
Strophe 1überliefert, gedruckt 1838
Strophe 2Georg Scherer, 1863
MelodieVolksweise
FördertRhythmus, Rollenspiel, Wortschatz

Der Liedtext

1
Spannenlanger Hansel,
Nudeldicke Dirn’,
Gehn wir in den Garten,
Schütteln wir die Birn’.

Schüttle ich die großen,
Schüttelst du die klein’;
Wenn das Säckle voll ist,
Gehn wir wieder heim.
2
Lauf doch nicht so närrisch,
Spannenlanger Hans!
Ich verlier’ die Birnen
Und die Schuh’ noch ganz.

„Trägst ja nur die kleinen,
Nudeldicke Dirn’,
Und ich schlepp’ den schweren
Sack voll großer Birn’.“
Georg Scherer’s illustrirtes Deutsches Kinderbuch, 4. Aufl., Stuttgart 1863, S. 146–147 (Rechtschreibung behutsam modernisiert). Strophe 1 dort als „volksthümlich“, Strophe 2 von Georg Scherer; ältester Druck von Strophe 1: Großmutter und Enkel, Erlangen [1838], S. 21.

Was in dem Lied passiert

Hansel und seine Freundin gehen in den Garten, um Birnen vom Baum zu schütteln. Die Arbeit ist gerecht verteilt – denkt man: Er schüttelt die großen, sie die kleinen, und wenn das Säckchen voll ist, geht es nach Hause. In der zweiten Strophe gibt es Streit. Hansel rennt so schnell voraus, dass das Mädchen die Birnen und fast die Schuhe verliert. Er hat eine schlagfertige Antwort parat: Sie trage ja nur die kleinen Birnen, er dagegen den schweren Sack mit den großen.

Alte Wörter, kurz erklärt

  • spannenlang: so lang wie eine Handspanne, also vom Daumen bis zum kleinen Finger der gespreizten Hand – etwa 20 Zentimeter. Gemeint ist ein ganz kleiner Kerl, kein langer Dünner.
  • nudeldick: kugelrund. Das Wort kommt vom „Nudeln“ der Gänse, die früher mit Teigröllchen gemästet wurden.
  • Dirn: ein altes Wort für Mädchen, wie das süddeutsche „Dirndl“. Die abwertende Bedeutung, die das Wort heute haben kann, ist hier nicht gemeint.
  • Birn’: Birnen – verkürzt, damit es sich auf „Dirn’“ reimt.
  • Säckle: ein kleiner Sack; die Endung „-le“ ist die schwäbische Verkleinerung.
  • närrisch: wild und übermütig.

Als Singspiel mit zwei Kindern

Das Lied ist wie gemacht für ein kleines Theaterstück. Zwei Kinder spielen Hansel und das Mädchen, alle anderen stehen im Kreis und singen:

  1. „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn’“ – Hansel macht sich ganz klein, das Mädchen bläst die Backen auf und macht die Arme rund.
  2. „Gehn wir in den Garten“ – die beiden fassen sich an den Händen und gehen innen im Kreis herum.
  3. „Schütteln wir die Birn’“ – beide greifen nach einem gedachten Ast und rütteln kräftig daran.
  4. „Schüttle ich die großen, schüttelst du die klein’“ – mit den Händen große und kleine Birnen formen und vom Boden auflesen.
  5. „Wenn das Säckle voll ist, gehn wir wieder heim“ – den Sack über die Schulter werfen und zurück an den Platz gehen.
  6. Strophe 2: Hansel rennt voraus, das Mädchen stolpert hinterher und ruft ihm die erste Hälfte zu; Hansel dreht sich um und antwortet mit der zweiten.
  7. Danach sind zwei andere Kinder an der Reihe.

Mit Krippenkindern reicht es, zur ersten Strophe mit den Armen einen Baum zu schütteln und „Birnen“ vom Boden aufzuheben.

Ab welchem Alter – und was es fördert

Schon Zweijährige machen das Schütteln begeistert mit und singen bald das Reimwort am Zeilenende mit. Ab etwa drei Jahren klappt das Singspiel mit verteilten Rollen. Nebenbei lernen die Kinder Gegensätze kennen – groß und klein, voll und leer – und üben in der zweiten Strophe, abwechselnd zu sprechen und einander zuzuhören.

Woher das Lied kommt

Die erste Strophe ist ein alter Kinderreim, dessen Verfasser niemand kennt. Zum ersten Mal gedruckt wurde sie um 1838 in Erlangen, in einem Büchlein mit Versen für Kleinkinderschulen, das der fränkische Lehrer und Dichter Friedrich Güll unter einem anderen Namen herausgab. Ob er den Vers aus der Erinnerung aufschrieb oder selbst im Volkston dichtete, lässt sich nicht mehr klären. Danach verbreitete er sich schnell: Mitte des 19. Jahrhunderts steht er in Sammlungen vom Rhein bis nach Ostpreußen, in Tirol und Salzburg sang man vom „daumenlangen Hansl“.

Die zweite Strophe mit dem kleinen Streit kam erst später dazu. Der Stuttgarter Verleger Georg Scherer dichtete sie 1863 für die vierte Auflage seines Deutschen Kinderbuchs – im Register seines Buches steht bei dieser Strophe ausdrücklich sein Name. Zehn Jahre später sangen Wiener Kinder sie bereits in ihrer Mundart.

Kurios: 1872 geriet der harmlose Vers in Österreich in einen Streit um neue Schulbücher. Er stand in einer Leseschule für Landkinder, und Kritiker führten ihn als Beispiel dafür an, wie weltlich die neuen Bücher seien.

Zwei Melodien

Im 19. Jahrhundert sang man den Text meist auf eine Vertonung des Leipziger Komponisten Carl Reinecke im Walzertakt. Die schlichte Volksweise, die heute jedes Kind kennt, setzte sich erst im 20. Jahrhundert in den Schulliederbüchern durch.

Varianten

Heute singt man oft „Säcklein“ statt „Säckle“ und in der zweiten Strophe „schlepp den schweren Sack mit den großen Birn’“. Beides sind kleine Abwandlungen; wir drucken den Text so, wie er 1863 bei Scherer steht.

Ideen für Kita und Grundschule

  • Birnen-Tag: echte Birnen mitbringen, nach Größe sortieren und wiegen – wer hat den schwereren Sack?
  • Fallobst sammeln: Im Herbst im Garten oder auf der Streuobstwiese Birnen auflesen und dabei das Lied singen.
  • Groß und klein: Die Kinder suchen im Raum Dinge, die „spannenlang“ sind, und messen mit der eigenen Hand nach.
  • Grundschule: eine dritte Strophe dichten – wie geht der Streit zwischen Hansel und dem Mädchen aus?

Druckvorlage: das Liedblatt mit beiden Strophen – zum Ausdrucken für Morgenkreis, Herbstfest oder Liederordner.

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